Vorwort  
 

 

Vorwort zum Künstler von Dr. Rainer Beßling

„Archaik trifft Aktualität“


Im Holz ist Zeit eingeschlossen: Wachstum, Bewegung, organisch gewordene Form.
Gegen die entfaltete Natur und zugleich mit ihr setzt der Künstler den eigenen plastischen Plan. Die Eingriffe prägen die Oberflächen und setzen Bewegung gegen Statik. Schnittkerben und Sägespuren geben den Skulpturen individuelle Physiognomie, Geschichte und greifbaren Charakter.

Schlanke Figuren ruhen auf Sockeln und sind wie in Wurzeln geerdet. Architekturen schichten sich zu schlanken Stelen, stille Achsen des Raums und konzentrierte Körperlichkeit. Eine himmelstürmende Kopfstadt türmt sich auf, in der ursprünglicher Wuchs und Gedankenflug aufeinander treffen. Eine Moschee, die sich wie eine Krake über einen Tisch mit historischem Radio legt, deutet aktuelle Ängste an auf der Basis vergangenen, eingelagerten Ressentiments.

Im dichten Dreiklang von Werkstoff, Werkprozess und Werkgestalt findet Wolfgang Gido zu seinen Figuren. Archaik klingt nach, Gegenwart wird greifbar. Universelle und Epochen überdauernde Zeichen stehen neben Kommentaren zu aktuellen Krisen und Konflikten. In sperrig spröder bildhauerischer Sprache schließt die Reflexion über Herausforderungen und Verletzungen des Menschen das buchstäbliche Begreifen und Eingreifen mit den Sinnen ein.

Köpfe und Körper offenbaren ihre Wunden und deuten Biografien an. Bemalung oder Applikation mit Metall verleiht den Plastiken zusätzliche Dramatik oder Häute, in denen das Material den Bedeutungsradius erweitert. Im Kern behalten Gidos Skulpturen eine ursprüngliche Einfachheit, die unter anderem auf Inspiration durch die afrikanische Plastik zurückgeht. Im roh behandelten, in Grundfarbigkeit gefasstem Holz klingen Ur-Erfahrungen und Ur-Instinkte nach, die wenig von ihrer Handlung steuernden und Empfindungen prägenden Kraft verloren haben. Die Farbe Weiß, in jüngeren Arbeiten Abschluss der Skulpturen, verleiht den Skulpturen rätselhafte Blässe und dem Körper schwebende Immaterialität, legt spannungsvoll Unberührtheit auf Narben und weitet den Projektionsraum für den Betrachter.

Die Überlebensmittel Mystik und Spiritualität drücken sich am wirksamsten in ungeglätteter Leiblichkeit aus. Gewachsener Körper und Gestaltungswille stecken die Pole menschlicher Existenz ab, in ihren Potenzialen und Schranken. Ewig gültige Symbole wie die Schlange, die sich als Verführung und Fesselung um den Körper legt, oder die Hommage an die Frau als Schöpferin menschlichen Daseins finden sich bei Gido ebenso wie Erzählungen in verschlungenen Zeichnungen. In einem Strich werden Protagonisten in rätselhafte Szenen gestellt und auf labyrinthische Pfade geschickt. Das Wesen dieser Wanderer, Wege und Räume bleibt rätselhaft. Man muss sie körperlich durchleben. Der Kern der Existenz entfaltet sich zum Individuum nur durch Widerstand.